DON'T PANIC! Ein kleiner Leitfaden zur Konzert-Etikette

Panik vor dem Protokoll? Furcht vor einem Fauxpas? Dann kommt unser Leitfaden zur Konzert-Etikette gerade richtig! Bald werden Sie sich so sicher fühlen wie unser Stammpublikum... Folgende „Anleihe“ aus dem Protokoll der Carnegie Hall New York wollen wir Ihnen, mit freundlicher Genehmigung der Carnegie Hall Corporation, © 2000 CHC, nicht vorenthalten (Übersetzung ins Deutsche: Mag. Susanne Steinacher).

Wann darf ich husten?

Die Grippewelle wird auch in diesem Jahr wieder pünktlich einsetzen. Und obwohl wir Ihnen leider noch kein musikalisches Heilmittel gegen Erkältungen empfehlen können, haben wir doch einige Tipps parat, wie man sie während eines Konzerts so gut wie möglich kaschiert.

Heißester Tipp: Sobald Sie merken, dass eine Erkältung – selbst eine leichte – im Anzug ist, bringen Sie bitte Hustenpastillen mit ins Konzert.

Haben Sie die Pastillen einmal griffbereit, so ist der nächste Schritt entscheidend: wickeln Sie sie rechtzeitig aus! Hustenpastillen mitten im Konzert auszuwickeln ist in der Tat ein ziemlicher Fauxpas, und wenn Sie je im Umkreis von 15 Metern neben jemandem gesessen sind, der g-a-a-a-a-nz l-a-a-a-angsa-a-a-a-am eine Hustenpastille ausgewickelt hat, dann wissen Sie auch, warum!

Wenn Sie keine Hustenpastillen zur Hand haben und nur ein- bis zweimal husten müssen, so versuchen Sie bitte, auf das Ende des jeweiligen Satzes zu warten. Ist das nicht möglich, so können Sie sich bemühen, während einer lauteren Passage zu husten, und nicht gerade mitten im zartesten Pianissimo. In jedem Fall kann man ein Taschentuch oder einen Schal zu Hilfe nehmen, um das störende Geräusch zu dämpfen. Für Ihre Sitznachbarn macht das wirklich einen großen Unterschied! Wenn Sie öfter als ein paar Mal husten müssen, dürfen Sie durchaus aufstehen und den Konzertsaal kurz verlassen. Das kam erst vor kurzem einmal vor und erschien uns als ein besonders gutes Beispiel für Höflichkeit und Eleganz in der Konzertetikette.

Und glauben Sie bitte nicht, die Künstler auf der Bühne würden Sie nicht husten hören! Im Gegenteil. Schließlich funktioniert die Akustik des Konzertsaales in beide Richtungen! Also halten Sie sich bitte an die Hustenetikette – aus Rücksicht auf die Künstler ebenso wie aus Rücksicht auf Ihre Sitznachbarn!

Was mache ich in der Pause?

Vor allem sollten Sie auf die Zeit achten! Bevor Sie den Saal verlassen, sehen Sie bitte auf die Uhr und geben sich 15 Minuten Zeit. Die Pause kann zwar bis zu 20 Minuten dauern, doch ist das nicht immer der Fall. Also sollten Sie sich sicherheitshalber schon nach 15 Minuten zur zweiten Hälfte der Aufführung im Saal einfinden.

Hinweis: Toiletten befinden sich im Garderobenfoyer und im Kassenfoyer.

Für das Pausenläuten gilt folgende Faustregel: Beim ersten Läuten sollten Sie Ihre Pausenaktivität beenden. Beim zweiten Läuten sollten Sie Ihren Platz wieder eingenommen haben bzw. sich auf dem Weg dorthin befinden, da das Konzert in Kürze weitergeht! Achten Sie auf jeden Fall auf die Zeit, denn obwohl es normalerweise zweimal läutet, können Sie das erste Läuten leicht überhören!

Was ist das für ein Klingeln in meinen Ohren?
Leider sind die Klänge, die während eines Konzerts an unser Ohr dringen, heutzutage nicht mehr unbedingt nur z.B. von Wagner. Oft genug stammen sie vom Handy, vom Beeper oder von der Digitaluhr des elegant gekleideten Musikliebhabers im Nebensitz.

Nun sind wir zwar selbst große Anhänger der modernen Technik, doch sind wir der Ansicht, dass es entschieden zu weit geht, mitten in einem Konzert einen Telefonanruf entgegenzunehmen oder auf die Sekunde genau wissen zu müssen, wann es 21.00 Uhr ist.

Sehen Sie daher bitte nochmals nach, ob Sie ihre elektronischen Geräte vor dem Konzert abgeschaltet haben!

Wann soll ich klatschen?

Die Frage, wann man bei einem Konzert klatschen soll, scheint viele Menschen zu beschäftigen, die in klassischer Musik noch nicht so bewandert sind. Tatsache ist, dass Applaus von den Künstlern immer dankbar angenommen wird; früher war es durchaus üblich, am Ende jedes Abschnitts zu klatschen, der einem gefiel. Heute jedoch wartet man damit normalerweise bis zum Ende des ganzen Stückes; es gilt als Geste des Respekts gegenüber den konzentriert arbeitenden Musikern, seinen Applaus bis zum Ende aufzusparen.

Wann also soll man klatschen? Das lässt sich anhand einiger relativ einfacher Methoden herausfinden.

So kann man zum Beispiel die einzelnen Sätze eines Stückes mitzählen. Werfen Sie vor Konzertbeginn einen Blick auf Ihr Abendprogramm und Sie werden sehen, dass oft die einzelnen Sätze mit ihren jeweiligen Tempoangaben angeführt sind. Gehen wir von einem Stück mit vier Sätzen aus. In den meisten Fällen werden die Künstler zwischen den einzelnen Sätzen eine Pause machen. Wenn Sie also drei Pausen mitgezählt haben, können Sie ziemlich sicher sein, dass Sie nun dem Finale lauschen.

Insider-Tipp: Bei Konzerten, Sonaten und Symphonien handelt es sich beim letzten Satz oft – allerdings nicht immer – um einen Satz in raschem Tempo, der auf einen Satz in deutlich langsamerem Tempo folgt.

Natürlich kann man auch ganz einfach abwarten, bis die übrigen Zuschauer zu klatschen beginnen. Und dann machen Sie einfach mit! Rufen Sie "Bravo"! Verlangen Sie nach einer Zugabe! Zeigen Sie, dass es Ihnen gefallen hat! Und vor allem: haben Sie Spaß und kommen Sie bald wieder!

Was ist ein Konzertmeister?

Wer ist die Person, die – bei englischen Orchestern - vor dem Dirigenten auf die Bühne kommt, nachdem das ganze Orchester bereits die Plätze eingenommen hat? Warum kommt sie zu spät?

In Wirklichkeit kommt diese Person nicht zu spät. Ihr Erscheinen zeigt lediglich an, dass das Konzert bald beginnt. Besser bekannt als Konzertmeister (bzw. Konzertmeisterin) handelt es sich hierbei um den Leiter der Violingruppe und somit tatsächlich um den Leiter, oder Ersten unter Gleichen, des gesamten Orchesters. Insbesondere während der Aufführung hat der Konzertmeister mannigfaltige Pflichten zu erfüllen, doch für alle KonzertmeisterInnen gilt, dass sie die zeremonielle Aufgabe haben, vor Konzertbeginn den Einsatz zum Stimmen der Instrumente zu geben. Der Konzertmeister signalisiert dem Oboisten, die Note A zu spielen; sodann stimmen alle Musiker ihre Instrumente auf den von der Oboe vorgegebenen Normalstimmton. Sind die Instrumente einmal gestimmt, so nimmt der Konzertmeister vorne, unmittelbar links vom Dirigentenpult, Platz. Sodann betritt der Dirigent die Bühne und schüttelt dem Konzertmeister die Hand – ein Zeichen des Grußes und des Respekts sowohl für den jeweiligen Musiker selbst als auch für das gesamte Orchester. Dann dreht sich der Dirigent zum Publikum um, verbeugt sich, wendet sich wieder dem Orchester zu, und das Konzert beginnt!

Die Streicher klopfen mit ihren Bögen auf die Notenständer. Was bedeutet das?

Wenn ein Solist sein Solo beendet hat, klopfen die Streicher manchmal während des Applauses mit ihren Bögen auf die Notenständer. Was bedeutet das?

Mit dieser ungewöhnlichen kleinen Geste applaudieren die Musiker ihren Kollegen. Das passiert nicht jedes Mal, wenn ein Solist mit einem Orchester auftritt; es will verdient sein. Deshalb kann man manchmal beobachten, wie die Streicher mit ihren Bögen applaudieren, während sie manchmal einfach still sitzen bleiben. Diese Geste entstand aus dem Wunsch der Musiker heraus, einer hervorragenden Sololeistung Tribut zu zollen.

Was macht der Dirigent?

Wir alle wissen, dass der Dirigent ganz bestimmte Pflichten hat, während er am Dirigentenpult steht. So ist er dafür verantwortlich, das Tempo zu halten, dynamische Wechsel anzuzeigen, für ein Gleichgewicht zwischen den einzelnen Instrumentengruppen zu sorgen und den Instrumenten den Einsatz zu geben. Was die meisten nicht wissen, ist, dass der Dirigent seine Hauptarbeit leistet, schon lange bevor das Orchester sich zur Aufführung auf die Bühne begibt.

Bis dahin probt der Dirigent bzw. die Dirigentin das Stück mit den Musikern. Er bzw. sie hat zuvor die Partitur sorgfältig studiert und sich für eine bestimmte Interpretation des Stückes entschieden. Dabei ist eine ganze Reihe kniffliger Fragen zu beantworten: Wie laut ist laut? Wie leise ist leise? Wie schnell ist schnell? Wie langsam ist langsam? Wann genau wird laut etwas leiser und um wie viel? Wie ist das Verhältnis der Cellos zu den Geigen? Wie laut sollen die Schlaginstrumente sein? Wie rasch soll die Reprise des ersten Themas sein? Wie getragen soll der langsame Satz sein – oder soll er vielmehr langsam, aber fröhlich sein? Weiters kommt hier auch ein undefinierbares Element zum Tragen, das als reine Persönlichkeitsstärke beschrieben werden kann, als die einzigartige Chemie der Temperamente, die zum Zeitpunkt der Aufführung zwischen dem Dirigenten und dem Orchester herrscht. Zweifelsohne liefern Musiker und Solisten einen wichtigen Beitrag, doch den Ton gibt der Dirigent an. Seine künstlerische Vision sowie die Art und Weise, wie er sie dem Publikum vermittelt, verleihen der Aufführung erst Charakter.

Aber gibt nicht der Komponist Tempi und Dynamik in der Partitur genau vor? Ja und nein. Die musikalische Notation kann hier sehr genau und zugleich erstaunlich vage sein, und so bleiben dem Dirigenten eine Menge Entscheidungen selbst überlassen. Selbst wenn angegeben wird, dass eine Passage z.B. leise zu spielen ist, gibt es keine Möglichkeit, genau zu wissen, wie leise der Komponist es wirklich wollte. Oft werden Sie eine völlig neue Interpretation von vermeintlich wohlvertrauter Musik zu hören bekommen und dabei auf Themen aufmerksam werden, die Sie noch nie zuvor so klar gehört haben... auf dynamische Wechsel an völlig neuen Stellen... auf Tempowechsel u.v.a.m. Und dabei wird Ihnen klar werden, dass der Dirigent im wahrsten Sinne des Wortes Schwerarbeit leistet!

Was bedeuten Tempoangaben?

Komponisten geben normalerweise das allgemeine Tempo eines Stückes durch Tempoangaben in der Partitur vor. Jeder Satz hat sein eigenes Tempo – manchmal sogar mehrere Tempi. Natürlich gibt es im Laufe eines Stücks zahlreiche Tempowechsel, welche durchgehend angegeben sein können. Die wichtigsten Tempoangaben sind jedoch diejenigen, die auch in Ihrem Programmheft angeführt sind.

Tempoangaben findet man schon im 10. Jahrhundert in lateinischen Abhandlungen zur Musik. Im 16. Jahrhundert wurde das Tempo den Notenwerten als spezifische Taktzeit zugeordnet (z.B. 2 Sekunden pro Viertelnote). Spätestens ab dem 17. Jahrhundert jedoch gingen italienische Komponisten dazu über, verstärkt verbale Tempoangaben zu verwenden. Vivaldi, Corelli u.a. bedienten sich regelmäßig dieser Möglichkeit, und so setzten sich Tempoangaben in italienischer Sprache durch. Obwohl französische und deutsche Komponisten ihre eigene Notation entwickelten, sind italienische Tempoangaben bis zum heutigen Tag am häufigsten anzutreffen. Im folgenden finden Sie eine nach Geschwindigkeit geordnete Liste der häufigsten Tempoangaben:

Prestissimo - so schnell wie möglich /   Presto - sehr schnell  /  Vivace - lebhaft, flott  /  Allegro assai - sehr schnell  /  Allegro - schnell  /  Allegro non troppo - schnell, aber nicht zu schnell...  /  Andantino grazioso - anmutig, mäßig langsam  /  Andantino cantabile - mäßig langsam, gesangartig  /  Andante - "gehend", mäßig langsam  /  Adagio un poco mosso - langsam, aber bewegt  /  Adagio - langsam, ruhig  /  Larghetto - etwas rascher als largo  /  Lento- langsam  /  Grave - sehr langsam, ernst  /  Largo - sehr langsam, breit

Die folgenden Anweisungen werden oft gemeinsam mit den Tempoangaben verwendet, um expressiven Charakter anzuzeigen (z.B. Allegro con fuoco):

Con fuoco - mit Feuer  /  Agitato - aufgeregt  /  Moderato - gemäßigt, maßvoll  /  Con spirito - lebendig, energisch

Dieselben italienischen Komponisten begannen außerdem damit, auch die gewünschte Vortragsdynamik (Lautstärke) in der Partitur zu vermerken. Diese Anweisungen finden sich allerdings nur in der Partitur, nicht jedoch in den Programmheften, in denen die einzelnen Sätze angeführt sind. Hier einige Beispiele:

Piano (p) - leise  /  Pianissimo (pp, ppp) - sehr leise  /  Mezzo piano (mp) - mäßig leise  /  Mezzo forte (mf) - mäßig laut  /  Forte (f) - laut  /  Fortissimo (ff, fff) - sehr laut  /  Forte piano (fp) - laut und sofort danach leise

Eines ist bei all diesen Angaben völlig klar: sie sind völlig unklar! Hier kommt es vor allem auf die Interpretationen der Dirigenten und Musiker an. Die Anweisungen dienen als Richtlinien, aber erst durch die individuelle Interpretation wird die Musik zum Leben erweckt!

Was ist der Unterschied zwischen symphonischem und philharmonischem Orchester?

Das normalerweise sehr verlässliche und umfassende New Grove Dictionary zieht sich mit der Definition von “philharmonisch“ als “weithin gebräuchlicher Begriff für musikalische Organisationen“ aus der Affäre. (Große Wörterbücher tendieren manchmal dazu, das Offensichtliche zu behaupten.) Das etwas umfassendere Oxford English Dictionary verweist auf die griechischen Wurzeln des Wortes und definiert es als “die Harmonie liebend; Person oder Organisation: musikbegeistert, mit Musik befasst.“

Der Begriff “Symphonie“ stammt ebenfalls aus dem Griechischen und setzt sich aus den Worten “syn“ (zusammen) und “phonae“ (Klingen) zusammen. Ab dem 17. Jahrhundert diente dieser Begriff zur Bezeichnung von Instrumentalmusik (obwohl er, um die Sache noch komplizierter zu machen, oft auch für Vokalmusik verwendet wurde). So können wir davon ausgehen, dass sich im Laufe der Zeit für Instrumentalmusikensembles der Begriff “Symphonieorchester“ durchgesetzt hat.

All das erklärt aber noch nicht, weshalb sich einige zeitgenössische Orchester für die eine, andere für die andere Bezeichnung entschieden haben. Am einfachsten ist das wohl durch die langjährige individuelle Tradition des jeweiligen Orchesters zu erklären.

Ob Symphoniker oder Philharmoniker - eine eindeutige Antwort scheint es nicht zu geben. Nächste Frage bitte!