Außerhalb der Komfortzone

„Im Großen und Ganzen war der Jazz immer so etwas wie der Mann, dem man seine Tochter nicht anvertrauen wollte ...“, witzelte einst Duke Ellington. Der Komponist und Big-Band-Sir konnte auch in den 1970ern – ironisch definierend – an eine Zeit zurückdenken, als der Jazz um die Anerkennung als ernstzunehmende Kunstform kämpfte und ein wenig verrucht daherkam. Mittlerweile ist der Jazz in Konzertsälen gut etabliert. Er mutierte zu einer Art klassischen Genre, das nicht nur weiterentwickelt wird. Es gilt auch, seine Traditionen lebendig zu halten. Besonders im Vokalen ist daraus eine eigene Disziplin, ja Mode geworden. Eine Meisterin dieses Faches, mit besonderer Berücksichtigung der Stile von Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan („Es war eine Art Erweckungserlebnis, als ich sie zum ersten Mal gehört habe“), ist US-Sängerin Dianne Reeves. Sie ist eine Virtuosin des quasi instrumental beeinflussten Gesanges; ihre Technik befähigt sie zu effektvollen Registerwechseln und zu großer Klarheit in jedweder Vokallage. Reeves könnte wohl alle Bebopsoli eines rasanten Saxofonisten wie Charlie Parker nachsingen, so man sie dazu spontan auffordern würde. Natürlich ist, wie im Jazz üblich, der persönliche Zugang auch bei Reeves erkennbar und essenziell. Da werden keine Improvisationen der Vorbilder notengetreu interpretiert. Auf Basis jener ewigen Songs des Jazzrepertoires erlebt man Reeves als Spontankünstlerin, die über eine in die Tiefe gehende Songinterpretation zu Improvisationen hinübergleitet.

Dianne Reeves © Jerris Madison

In guten Augenblicken ist bei ihr zu merken, dass Tradition – wie Gustav Mahler sagte – die „Bewahrung des Feuers“ sei. Reeves bewahrt nämlich auf angenehme Art und Weise. Als Vorbild nennt die Dame aus Detroit (Jahrgang 1956) explizit zwar auch Sängerin Dinah Washington („Ich weiß alles über sie“). Jazz bedeutet für Reeves aber, „deine eigenen, einzigartigen Qualitäten“ einzubringen. Wenn es also um die Annäherung an einen Song geht, stellt sich nicht die Frage, wie erweckt man die Version einer großen Kollegin. Es geht um die Überlegung, „was ich diesem Song noch geben kann? Das wird ihn am Ende einzigartig machen, das wird den Unterschied ausmachen zu jeder anderen Version, die du bisher gehört hast.“

So schafft es Reeves einerseits die amerikanischen Klassiker des „Great American Songbook“ lebendig zu halten und gleichzeitig ihre Individualität auszuspielen, die sich natürlich auch über die Jahre wandelt. „Es gibt Erfahrungen in meinem Leben, die in meiner Stimme zum Ausdruck kommen, weshalb ich sagen würde, der Klang ist heute viel reifer“, sagte sie einmal. Der Erfolg ist nicht ausgeblieben. Reeves hat einige Grammys gewonnen, sie tourte einst auch mit Harry Belafonte und hat beim wichtigen Jazzlabel Blue Note aufgenommen. Reeves war aber auch in George Clooneys Film Good Night, and Good Luck als Sängerin zu hören. Die Tochter eines Sängers und einer Krankenschwester hatte aber auch einen Gastauftritt in einer Staffel der Fernsehserie Sex and the City. Sie agiert also in jener Kategorie der Prominenz, in der auch andere TraditionsbewahrerInnen mittlerweile zu Hause sind. Etwa die nachkommenden KünstlerInnen wie Diana Krall, Madeleine Peyroux, Michael Bublé, Dee Dee Bridgewater und Gregory Porter. Letzterer etwa möchte dem Jazz „eine Emotionalität bringen, die vermisst wurde“. Reeves hatte dies allerdings schon vor ihm getan, längst bevor der Neotraditionalismus Mode wurde. Zudem gibt es noch einen Qualitätsfaktor. Reeves verlässt bei Livekonzerten gerne die Komfortzone, extrapoliert, variiert und zeigt, was flexible, impulsive Vokalkunst sein kann. Konzerten dürfte für sie auch etwas seelisch Reinigendes innewohnen („Sobald du auf der Bühne bist, schwindet alles Schlechte dahin“). In diesem Sinne ist der Jazz heute ein Mensch wie Reeves, der seine Emotionen in Musik verwandelt und sie dabei verarbeitet. Das Private wird öffentlich und Gesang wirkt authentisch. Fragen nach Innovation stellt dann keiner mehr.

Ljubiša Tošić

 

MI | 18 MÄR | 19:30

GROSSER SAAL
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