Die Königin der Klarinette

Kammermusik spiele sie am liebsten mit Freunden, hat Sabine Meyer einmal bekannt. Mit solchen gastiert sie am 27. März im Brucknerhaus: mit Bratschist Nils Mönkemeyer und mit Pianist William Youn. „Das sind nicht nur echte musikalische Freunde, sondern auch unglaublich tolle Menschen, die so viel Positives und Warmherziges ausstrahlen“, schwärmt sie von den Kollegen. „Das Musizieren mit ihnen wird zum Abenteuer. Man kann spontan vieles wagen und voll darauf vertrauen, dass sie das sofort verstehen. Man wirft sich gegenseitig die Bälle zu. Wir haben auf der Bühne unglaublich viel Spaß miteinander.“

Die ungewöhnliche Besetzung Klarinette, Bratsche und Klavier hat Mozart mit seinem berühmten Kegelstatt-Trio vorgegeben, das auch zu Beginn des Konzerts erklingen wird. Schumann hat diese Besetzung in seinen Märchenerzählungen op. 133 aufgegriffen, die Sabine Meyer und ihre Freunde natürlich auch im Repertoire haben. Diesmal jedoch sind romantische Klänge durch ein anderes Werk in dieser Besetzung vertreten, durch die Acht Stücke op. 83 von Max Bruch, die er 1908 für seinen Klarinette spielenden Sohn Max Felix komponiert hatte. Zumeist hört man nur eine Auswahl, diesmal jedoch kommen die drei KünstlerInnen dem Wunsch des Brucknerhauses nach und bringen dieses bezaubernde Werk komplett zu Gehör. „Es ist von besonderem Reiz, alle acht Stücke zu spielen“, ist Sabine Meyer überzeugt.

„Die sind total abwechslungsreich. Ich glaube, es ist sowohl für uns als auch für das Publikum spannend, sie einmal so zu hören.“

Dass die Klarinette in der Klassik so große Popularität genießt, ist nicht zuletzt Sabine Meyer zuzuschreiben. Herbert von Karajan holte sie in den 1980er-Jahren zu den Berliner Philharmoniker, in deren Reihen sich jedoch Widerstand gegen diese Entscheidung ihres Chefs regte. Noch vor Ablauf der Probezeit hat sie das Orchester daher verlassen und als Solistin Weltkarriere gemacht. Der Farbenreichtum ihres beseelten Spiels, die hohe musikalische Intelligenz,
mit der sie Atmung und Phrasierung in den Dienst des Ausdrucks stellt, und nicht zuletzt ihre stupende Virtuosität machen sie zur „Königin der Klarinette“. Allerdings ist das Repertoire an relevanten Werken verhältnismäßig schmal. Zumeist haben große Komponisten anlassbezogen für bestimmte Klarinettisten komponiert, Mozart etwa für Anton Stadler, Brahms für Richard Mühlfeld, Spohr für Johann Simon Hermstedt. „Ich würde viel Geld dafür geben, um zu
hören, wie Mühlfeld oder wie Stadler gespielt haben“, sagt Sabine Meyer. „Das wäre spannend. Das müssen Genies gewesen sein, sonst hätten Brahms oder Mozart nicht für sie geschrieben. Sicher ließen sie sich von diesen Klarinettisten auch beraten. Mozarts Klarinettenkonzert ist nie gegen das Instrument komponiert.“

Dass bei Mozarts Konzert immer mehr SolistInnen auf die Bassettklarinette zurückgreifen, für die es ursprünglich komponiert wurde, ist vor allem das Verdienst von Sabine Meyer, die diesbezüglich Pionierarbeit leistete. „Ich bin mir sicher, Mozart dreht sich im Grab um, wenn man sein Konzert auf einer normalen Klarinette spielt. Es würde niemandem einfallen, ein Klavierkonzert auf einem Instrument zu spielen, dem unten eine Oktave fehlt. Das ist aber
der Fall, wenn man dieses Konzert auf der herkömmlichen Klarinette spielt. Auf dieser muss man alle tiefen Töne um eine Oktave nach oben transponieren. Damit aber wird die Struktur des Stücks verändert.

Ich kann nicht verstehen, dass es immer noch namhafte Musiker gibt, die es dennoch auf einer herkömmlichen
Klarinette spielen.“ Wie sie auch nicht verstehen kann, Plastik-Blätter zu verwenden. „Das ist gegen das Instrument.
Es verliert dadurch viel an Obertönen, hat keine Ecken und Kanten mehr und klingt bestenfalls im Mezzoforte ganz
hübsch. Aber ein echtes Forte kommt damit nicht zustande. Das finde ich sehr traurig.“

Sabine Meyer © Christian Ruvolo
Sabine Meyer © Christian Ruvolo

Um das Repertoire zu erweitern, hat Sabine Meyer zeitgenössische KomponistInnen zu neuen Werken angeregt sowie durch Adaptionen und Grenzüberschreitungen, etwa hin zum Jazz, der Klarinette neue Bereiche erschlossen. Das gelang ihr vor allem mit dem Trio di Clarone, in dem sie gemeinsam mit ihrem Bruder Wolfgang und ihrem Ehemann Reiner Wehle musizierte. Seit dem Tod von Wolfgang Meyer im März 2019 aber ist dieses wundervolle Ensemble leider verstummt und Sabine Meyer denkt auch nicht daran, ihren Bruder durch jemand anderen zu ersetzen. „Nein, um Gottes Willen. Das könnte ich nicht. Wir haben so wahnsinnig viele Konzerte zusammen gespielt, so viel Schönes erlebt, viel gemacht, auch Ungewöhnliches, gerade mit den Bassetthörnern. Nein, man
muss es auch abschließen können.“

Das Spiel im Orchester, zuerst beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dann bei den Berliner Philharmonikern, stand am Beginn von Sabine Meyers Laufbahn. Noch einmal kehrte sie ins Orchester zurück, als Claudio Abbado das Lucerne Festival Orchestra neu gründete. Warum? „Ich bin ja nicht jemand, der unbedingt Solist sein wollte. Ich wollte immer Orchester spielen und Kammermusik machen, das war das Wichtigste für mich. Es war ein großes Geschenk, diese Möglichkeit mit Claudio Abbado zu haben. Es war eine tolle Zeit, mit ihm all diese wunderbaren Sinfonien spielen zu dürfen. Die schönsten Stellen für Klarinette finden sich nun einmal in der Literatur für Orchester.“

Peter Blaha 

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Sabine Meyer © Christian Ruvolo
Sabine Meyer © Christian Ruvolo