Glühendes Eis

Stardirigent Franz Welser-Möst gastiert mit dem Cleveland Orchestra in seiner oberösterreichischen Heimat. Im Brucknerhaus bringt er Franz Schuberts 4. und Sergei Prokofjews 6. Sinfonie zur Aufführung – beides Werke, die von ihrem Charakter her die Bezeichnung „Tragische“ verdienen.

Der große Sohn Oberösterreichs ist wieder im Brucknerhaus zu Gast. An der Spitze „seines“ Cleveland Orchestra, das er zu einer „Wunderharfe“ geformt hat, bringt Franz Welser-Möst Sinfonien von Schubert und Prokofjew zur Aufführung. Das Cleveland Orchestra steht schon seit den Tagen von George Szell (Chefdirigent von 1946 bis 1970) für höchste Perfektion und Präzision. Aber erst Franz Welser-Möst hat diesem Klangkörper aus Ohio, dem er seit 2002 als Chefdirigent vorsteht, eine Seele gegeben. Zu Recht gilt es heute als eines der besten Orchester der Welt. Wie nicht anders zu erwarten, wurde Welser-Mösts Vertrag daher bis 2027 verlängert. Doch auch andere Orchester sind von seinem „beseelten“ Musizieren angetan. Heute noch schwärmen MusikerInnen des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks von seinem Dirigat der Großen C-Dur-Sinfonie Franz Schuberts als eine der besten, an der sie mitwirken durften. Mit Franz Welser-Möst sprach Peter Blaha.

 

Vor wenigen Wochen starb Mariss Jansons. Welche Erinnerungen an ihn werden Sie behalten?

Ich habe im Auto auf der Fahrt von Leipzig nach München erfahren, dass Mariss gestorben ist. Mein erster Gedanke war, was für ein riesen Verlust. Denn in einer Zeit, in der unsere Gesellschaft sehr vom Narzissmus geprägt ist, ob’s in der Politik oder in unserem Geschäft ist, war Mariss eine echte Bastion. Er war ein zutiefst bescheidener, demütiger Künstler. Ich habe keinen anderen Dirigenten erlebt, der so oft Proben von Kollegen besuchte, um etwas zu lernen. Einmal kam er in eine Probe von mir an der Wiener Staatsoper. Das war unmittelbar nach meinem ersten Neujahrskonzert, auch er hatte damals schon eines dirigiert. Wir begrüßten und umarmten uns, dann sah er mich mit einem großen Lachen an, legt seine Hände auf meine Schultern und sagte: „Nur wir wissen, wie schwer das wirklich ist.“ Das fand ich einfach berührend. Ich behalte ihn als großen Musiker in Erinnerung, der nicht von einem gehypten Mediensturm an die Spitze katapultiert wurde, sondern der sich seinen Erfolg ehrlich erarbeitet hat. Wir jubeln heute Narzissten zu, die für ausverkaufte Häuser sorgen, weil von vornherein die Sensation angesagt ist. Sensationell aber sind allein die Meisterwerke. Wir, die Interpreten, sind nicht genial. Wir sind vielleicht hochbegabt. Und wir sind dazu da, diesen Genies zu dienen. Das hat Mariss auch so gesehen und danach hat er gelebt.

Sie haben unmittelbar nach Mariss Jansons Tod ein Konzert beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks dirigiert, dessen Chefdirigent er war. Ist seine „DNA“ im Orchester zu spüren? Und wie ist das in Cleveland? Merkt man da noch etwas vom Geist George Szells, der einst das Cleveland Orchestra sehr stark geprägt hat?

Beim Bayerischen Rundfunk spürt man immer noch die DNA von Rafael Kubelík, ja selbst noch von Eugen Jochum. Natürlich hat Mariss das Orchester geprägt, aber es gab auch eine Zeit vor ihm. Nicht jeder Chef prägt ein Orchester gleich wie ein anderer. Beim Scala-Orchester hat man beispielsweise immer noch das Gefühl, dass in ihm der Geist von Toscanini lebt. In Cleveland ist es die unglaubliche Detailverliebtheit, die dieses Orchester auszeichnet. Die geht natürlich auf George Szell zurück, vielleicht aber auch auf Artur Rodziński.

Ihr Vertrag in Cleveland, wo Sie seit 2002 Chefdirigent sind, wurde unlängst bis 2027 verlängert. Sie haben dort viel erreicht, unter anderem ist es Ihnen gelungen, die Jugend für Klassik zu begeistern. Wie haben Sie das geschafft?

Man darf sein Publikum nicht für dumm verkaufen. Es wäre arrogant zu sagen, den jungen Leute von heute fehlt es an der nötigen Bildung, um sich für Klassik zu interessieren. Ich versuche das mit amerikanischem Optimismus zu nehmen und behaupte, die jungen Leute sind dadurch auch nicht verbildet und deshalb unvoreingenommen. Sie hören zum ersten Mal in ihrem Leben ein Stück von Staud oder die Turangalîla- Sinfonie von Messiaen oder eine Fünfte Beethoven. Ob das jetzt „harmonisch“ ist oder „nur Geräusche“ sind, wie ältere Zuhörer sagen würden, spielt für sie keine Rolle. Solche Einstellungen haben ja auch sehr viel mit Erziehung zu tun. Erleichtert wurde uns das Bemühen um die Jugend durch praktische Dinge. Das Cleveland Orchestra erhielt vor ein paar Jahren 20 Millionen Dollar als Geschenk, mit der Auflage, die Jahreszinsen dafür zu verwenden, allen unter 18 den Besuch unserer Konzerte gratis zu ermöglichen. Allein deshalb kommen die jungen Leute aber nicht, denn warum sollten sie in einer Zeit, in der alles verfügbar ist, ausgerechnet in Konzerte gehen? Wir haben daher einen jungen Mitarbeiter eingestellt, der den ganzen Tag nur auf sozialen Medien unterwegs ist. Und damit konnten wir die jungen Menschen tatsächlich erreichen. In einer Stadt mit 400.000 Einwohnern haben wir über 130.000 Followers. Das sind hauptsächlich junge Leute. Auf einmal wurde es cool, sein Date am Samstagabend in die Severance Hall zu einem Konzert mitzunehmen. Mittlerweile sind rund 20 Prozent unseres Publikums unter 25. Der große Erfolg besteht aber darin, dass 90 Prozent dieser jungen Menschen nicht nur einmal ins Konzert gehen, sondern wiederkommen.

Auch künstlerisch hat sich das Cleveland Orchestra stark verändert. Unter Ihrer Leitung wurde sein Klang wärmer, „europäischer“, auch hat das Orchester stark an Flexibilität gewonnen.

Das Orchester war immer sehr detailverliebt, hatte aber die Tendenz, wie ein Metronom zu spielen, was für manche Musik toll ist, für andere aber nicht. Ich habe eingeführt, dass auch wieder regelmäßig Oper gespielt wird, um die Flexibilität zu fördern und um dem Orchester eine Dimension zu geben, die es nicht hatte, nämlich das Gesangliche. Wenn man sich alte Aufnahmen anhört, und viele davon sind wirklich toll, wird man merken, dass weder gesanglich noch farbenreich gespielt wurde. Inzwischen aber ist das Cleveland Orchestra auch für seinen Streicherklang berühmt.

Bei den Konzerten in Linz und Wien kombinieren Sie Schubert mit selten gespielten Sinfonien von Prokofjew. Welche Idee steckt dahinter?

Jemand hat einmal zu mir gesagt, der Letzte, der noch Melodien schreiben konnte, war Schubert. Ich finde aber, dass auch Prokofjew auf Melodien großen Wert legte. Das ist die eine Parallele. Die andere haben Sie schon angesprochen: Man kennt Prokofjews 1. und 5. Sinfonie und man kennt Schuberts 7. und 8. Sinfonie. Die anderen Sinfonien aber liegen im Dunkeln. Ich habe im Wiener Musikverein bezüglich Prokofjew-Sinfonien nachschauen lassen, das Ergebnis ist erstaunlich: Die Sinfonien 1 und 5 werden immer wieder gespielt, die Siebente erklang zuletzt 1961 unter Herbert von Karajan, die Sechste zum letzten Mal 1983. Ich war damals am Stehplatz mit dabei, gespielt haben die Leningrader Philharmoniker unter Jewgeni Mrawin-ski – für mich unvergesslich! Die Sinfonien 2, 3 und 4 sind noch nie im Musikverein erklungen. Prokofjews Musik ist wie glühendes Eis. An der Oberfläche herrscht eine stilisierte Kälte, aber unter dieser Oberfläche brodelt es gewaltig. Man sagt zwar immer über Schostakowitsch, er hätte in seiner Musik Kritik am Regime geübt, aber bei Prokofjew sind Ironie und Kritik noch tiefer vergraben.

In Linz stellen Sie Schuberts „Tragische“ Prokofjews Sechste gegenüber, die man auch als „Tragische“ bezeichnen könnte, denn obwohl der dritte Satz zunächst eine heitere Atmosphäre beschwört, bricht ganz am Schluss die Tragik mit aller Gewalt hervor.

Viele Musikkenner sagen, die ersten beiden Sätze der Sechsten seien großartig, aber der dritte Satz sei schwach. Ich erinnere mich sehr gut an die Aufführung unter Mrawinski  in Wien: Unter dieser humorvollen Oberfläche war etwas, das einen den Atem anhalten ließ. Ich glaube, dass diese – jetzt nenne ich es mal so – gnadenlose Präzision, die das Cleveland Orchestra haben kann, genau richtig ist, um das rauszubringen.

 

Schubert ist für Sie ein ganz besonderer Komponist. An seinem 150. Todestag hatten Sie einen schweren Autounfall…

Genau zu Schuberts Todesstunde. Das Letzte, was ich vor dem Unfall hörte, war Schuberts G-Dur-Messe, bei der ich als Geiger mitgewirkt hatte. Als ich dann von der Intensiv- auf die Normalstation verlegt wurde und Ö1 aufdrehte, war das Erste, was ich hörte, wieder die G-Dur-Messe. Schubert ist ein wesentlicher Teil meiner Kindheitserinnerungen. Meine Mutter, die sehr gut Klavier spielte, nahm sich oft Schubert-Impromtus vor. Irgendwo bin ich da zu Hause.

 

Ist das Besondere an Schubert, dass selbst in seinem Lachen eine Träne steckt?

Wenn man seine Musik auf einen Begriff bringen müsste, wäre das die Melancholie. Schubert ist für uns Österreicher der große Romantiker. Die Grundstimmung seiner Musik ist Sehnsucht, ohne dass man genau definieren könnte, wonach. Auch bei ihm spielt sich vieles unter der Oberfläche ab. Das ist eine weitere Parallele zu Prokofjew. Die Melodie ist das eine, aber das Wichtige findet sich bei ihm oft in den Mittelstimmen.

 

Prokofjews 3. Sinfonie, die Sie in Wien aufführen werden, basiert auf Material aus seiner Oper Der feurige Engel. Werden Sie diese Oper auch einmal in Angriff nehmen?

Vielleicht, aber bei der Oper bin ich auf Rückzug, aus mehreren Gründen. Es gibt viele große Häuser, die sich nur noch für gehypte Sensationen interessieren, das interessiert mich halt nicht. Auch Wirtschaftliches spielt eine Rolle. Sänger werden nicht mehr für Probezeiten bezahlt, wie es früher üblich war, was zur Folge hat, dass die Hälfte der Sänger bei den Proben nicht anwesend ist, weil sie irgendwo anders oder am selben Haus Geld verdienen, indem sie in Repertoirevorstellungen auftreten und folglich am Tag der Aufführung selbst sowie am Tag danach von Proben freigestellt sind. Ich selbst bin bei Opernproduktionen von der ersten Probe an immer mit dabei, habe aber schon erlebt, dass Regisseure zwölf Tage lang fehlten. Überhaupt wird die Oper fast nur mehr von der Regie dominiert. Ich empfinde es als Beleidigung, wenn ich mit einem Intendanten über Sängerbesetzungen spreche und mir im besten Fall gesagt wird, wir müssen aber zuerst noch mit dem Regisseur sprechen. Meistens ist es sogar so, dass man als Dirigent eine Besetzung präsentiert bekommt, die sich der Regisseur ausgesucht hat. So kann es nicht funktionieren. Optisch kann man viel tricksen, aber gesungen müssen die Partien schon werden. Da wird’s einfach absurd, und das will ich nicht mehr. Ich habe soeben in Mailand Die ägyptische Helena dirigiert. Das war die 82. Premiere in meinem Leben. Ich liebe die Oper, aber wenn sie nicht als großes Ganzes verstanden wird, dem sich alle Beteiligten unterordnen, interessiert sie mich nicht mehr.

  

Seit Ihrer Jugend sind Sie dem Brucknerhaus eng verbunden. Wo sehen Sie es heute?

Ich habe zum ersten Mal seit langem das Gefühl, dass wieder Leben ins Haus kommt und das Publikum scheint dies zu schätzen, weil es eine nachvollziehbare Dramaturgie gibt. Zuletzt ging es mit dem Brucknerhaus bergab, auch wenn das schleichend geschah und man es daher nicht sofort merkte. Jetzt aber scheint ein frischer Wind zu wehen. Man hat das Gefühl, jemand will etwas, das ist die erste Voraussetzung, und das ist positiv.

 

DO | 19 MÄR | 19:30

GROSSER SAAL

BRUCKNERHAUS LINZ 

Franz Welser-Möst & The Cleveland Orchestra