BrucknerBeats

Ab der Saison 2018/19 bereichern einige neue Konzertreihen das Programmangebot des Brucknerhauses Linz. Hierzu gehören das Format der BrucknerBeats, die einem gut einstündigen Konzert mit klassischer oder moderner Musik jeweils eine Party samt DJ folgen lassen, sowie die Reihe Hier und Jetzt. Der Sound der Gegenwart, deren Konzerte der Neuen Musik ein Forum bieten, dabei mindestens eine Uraufführung präsentieren und zum Dialog mit den anwesenden Komponisten einladen. Beide Reihen starten an Halloween mit einem gemeinsamen Konzert, in dem Peter Androschs Himmel II, eine Auftragskomposition des Brucknerhauses, zur Uraufführung gelangt. Darin lädt der Komponist mit seinem Ensemble Dr. Didi Extended anlässlich des 200. Geburtstags von Karl Marx zum Gipfeltreffen in himmlischen Höhen. Der Philosoph und Gesellschaftstheoretiker Marx empfängt Richard Wagner, einen weiteren Jubilar des Jahres 2018, zu einem Totengespräch.

Jan David Schmitz: Die Reihe der BrucknerBeats ist neu im Programm des Brucknerhauses Linz. Wir starten damit ausgerechnet an Halloween und dann zu allem Überfluss auch noch mit einer Uraufführung. Wird’s gruselig?

Peter Androsch: Nun ja, man könnte schon sagen, dass Wagner und Marx so etwas wie Untote sind, die also nicht sterben können. Man könnte die beiden Figuren so begreifen, weil sie ja eigentlich so lebendig sind wie selten zuvor.

JDS: Deswegen ist die Idee, die hinter Himmel II steht, ein Totengespräch. Also die Vorstellung, dass Wagner und Marx sich im Himmel begegnen und seit geraumer Zeit, nämlich dem Jahre 1883, miteinander sprechen. Hat man sich nach all der Zeit überhaupt noch etwas zu sagen?

PA: Na ja, vielleicht sprechen sie auch gar nicht miteinander, das wissen wir ja nicht, ob sie im Himmel miteinander sprechen, sie treffen sich dort. Es könnte auch die große Sprachlosigkeit zwischen ihnen sein, die es zum Teil schon während beider Lebzeiten gegeben hat ...

JDS: ... oder ein stillschweigendes Einvernehmen?

PA: Das wäre sogar ziemlich wahrscheinlich, denn wenn wir uns die frühen Schriften von beiden anschauen, kann man oft gar nicht unterscheiden, von wem was ist. Und die Umstände, unter denen wir leben, sind wieder sehr ähnlich, finde ich, wie zu den Lebzeiten der beiden. Wir haben ziemlich feudale Anwandlungen in der Politik, wir haben unglaublich autoritäre Tendenzen, Bigotterie an jedem Eck und Puritanismus auch, also wie aufgelegt, wie wenn wir die Wiedergänger dieser beiden bräuchten, um alles wieder ordentlich durchzumischen.

JDS: Das heißt, Sie mussten gar keine Séance abhalten, um an die Gesprächsprotokolle zu kommen, sondern können anhand der vorliegenden Schriften von Marx, anhand der Texte von Wagner Rückschlüsse darauf ziehen, was die Themen sein könnten, die die beiden verhandeln oder im Einvernehmen beschweigen.

PA: Das ist sicher so. Auf der anderen Seite, was mir auch aufgefallen ist, ist, dass beide die Welt als Theater sehen. Bei Wagner ist es ja offensichtlich, bei Marx ist es aber auch so. Er beschreibt das Weltgeschehen sozusagen als großen Kampf von riesigen Figuren. Da ist also der Arbeiter und das Proletariat, dann der Kapitaleigner, Kapitalist etc. Das ist ein Drama wie in der griechischen Antike, da sind ja auch die Götter nichts anderes als Menschen, die ins Unendliche projiziert sind, und die kämpfen. Marx hat ja geglaubt, dass der Ausgang dieses Kampfes vorherzusehen ist, ob dies so sein wird, wissen wir gerade nicht, es schaut eher so aus, als ob es nicht so wär’.

JDS: Er hat ja vorsichtigerweise nicht gesagt, wann genau der Kampf vorbei ist. Das heißt, er kann immer noch recht behalten.

PA: Darf ich noch etwas zum Stichwort Séance sagen?

JDS: Klar.

PA: Ich nähere mich der Sache schon über Séancen, und zwar über Klangflächen, damit ich einmal nicht intellektuell herangehe, sondern hineinspringe in „Ursuppen“, was natürlich sehr viel mit Wagner zu tun hat. Auch die Besetzung, die ich jetzt habe, führt in diese Richtung. Ich habe nämlich beim Festival Neue Musik im Juni entdeckt, dass es im Brucknerhaus eine wunderbar schräg klingende fahrbare Orgel gibt. Also wir in Österreich sagen ja Orgelpositiv dazu ...

JDS: ... wir in Deutschland auch!

PA: Na ja, in Bayern und Regensburg, die sagen ja immer Truhenorgel ...

JDS: Ja, die Bayern … Na, Sie wissen’s eh.

PA: Und dazu das Bajan, also die osteuropäische Variante des Akkordeons. Die beiden zusammen sind ja in der Lage, ein brodelndes Gemisch zu erzeugen, das unglaublich packend ist, und das wird im Mittelpunkt der klanglichen Annäherung stehen. Was kann aus so einem brodelnden Gemisch herauswachsen? Das können zum Beispiel die verschiedenen Figuren sein, die in dieser Séance aus dem Figurenarsenal der beiden kommen, wobei Wagner und Marx für mich jetzt eigentlich ganz gleichberechtigt sind.

JDS: Apropos Besetzung: Didi Bruckmayr ist, wie meistens, mit von der Partie und wird im Anschluss als DJ auflegen, das heißt es gibt nach der Uraufführung eine Party. Ist das für Sie eher ein Widerspruch, ist es ein Anhängsel, ist es Teil des Ganzen, gehören die beiden Hälften, die beiden Teile der Veranstaltung irgendwie zusammen?

PA: Na ja, ich weiß nicht, ob immer dann, wenn ein DJ da ist, wenn sozusagen diese technischen Mittel wie Schallplatten, CDs und Laufwerke und Computer fürs Musik machen verwendet werden, ob das dann immer gleich eine Party ist. Ich seh’s eher nicht so, aber natürlich gehört’s zusammen, alleine durch die Figur des Didi. Der Didi ist ja doch ein unglaublich stimmgewaltiger Performer und hat eine Stärke, die wenige haben, dass er so viele Standbeine hat in den verschiedenen Musikgenres und diesen Clubkulturen, wo ganz extreme Frequenzen ausgetestet werden, die er genauso drauf hat wie den Avantgardebereich, in dem wir arbeiten. Da gibt´s natürlich ganz enge Verbindungen. Aber nachdem es der erste Abend ist werden wir mal sehen, wie sich das Ganze entwickelt. Wir sind gerade dabei, den ersten Teil zu machen. Aus dem dann zu entwickeln, wie der zweite aussieht, das wird spannend.

Es ist dabei für mich ganz wichtig, dass dieses Trio: Didi Bruckmayr, Bernd Preinfalk und ich, Dr. Didi, so etwas ist wie das Herz von dem Ganzen, und da docken wir immer andere Leute an, in dem Fall ist es Yova Serkova.

JDS: Ein schönes Experiment. Glauben Sie, es wird in einem heutigen Sinne unterhaltsam?

PA: Ja, unbedingt! Also ich glaube, dass Unterhaltung ja etwas sehr Relatives ist. Ich unterhalte mich oft bei Sachen wunderbar, die für andere unzugänglich sind. Aus meiner Perspektive sind die beiden Figuren Marx und Wagner ja sowieso grandios, weil sie auf der einen Seite ewige Witzfiguren sind – es gibt wahrscheinlich wenig Leute, über die so viele Karikaturen gemacht wurden, wie über die beiden –, auf der anderen Seite riesige Götter. Und in diesem Spannungsfeld bleibt ja nur das Lachen.

JDS: Das stimmt. Am 16. Oktober treten in der ebenfalls neuen Reihe Stars von morgen zwei der besten Gitarristen der jungen Generation auf. Sie spielen bei Himmel II auch Gitarre. Da trauen Sie sich ganz schön was! Wie gehen Sie mit dem Instrument um? Was ist da der Anspruch, wieso ist es Ihr Instrument, dass Sie dafür wählen?

PA: Das ist ganz einfach: Ich habe angefangen mit der Gitarre und sie hat mich jahrzehntelang begleitet. Wie ich die Gitarre sehe und wie ich die Gitarre benütze, das hat sich natürlich radikal verändert. Das Handwerkliche ist mir zunehmend fremd geworden und es ist ja eigentlich auch reserviert für gewisse Musikrichtungen. Das heißt, das klassische Gitarrenhandwerk ist zum Beispiel im Heavy Metal ganz wichtig, aber dann gibt’s viele Musikrichtungen, etwa den avancierten Jazz oder Blues, wo das handwerkliche Können überhaupt keine Rolle spielt und auch keine Verbindung hat zur künstlerischen Qualität. Es ist überhaupt einer der größten Irrtümer, dass handwerkliches Können auf einem Musikinstrument etwas aussagt über die künstlerische Qualität.

JDS: Gleichzeitig auch einer der weitverbreitetsten.

PA: Absolut. Ja natürlich, es gibt große Unterschiede zwischen den verschiedenen Musikrichtungen. Es ist klar, wenn ich Heitor Villa-Lobos spielen will, brauche ich ein gewisses handwerkliches Niveau, um das hinzukriegen und mich wieder so freizuspielen, dass ich über das Stück „drüberspiele“. Für mich war es eine große Befreiung, Gitarre spielen wieder zu verlernen.

Ich hatte vor einiger Zeit ein Konzert und nach dem Konzert kam ein ehemaliger Schulkollege zu mir, der mich 30 Jahre nicht mehr gehört hat als Gitarrist und am Schluss die Frage gestellt hat: „Du, Peter, wie lange hast Du eigentlich gebraucht, um das Gitarre spielen wieder zu verlernen?“ Das war genau die richtige Frage! Es war für mich ein Akt der Befreiung, andere Spieltechniken zu finden, überhaupt das Instrument als etwas Neues zu empfinden und alles abzuschütteln, was vorher da war.

JDS: Jetzt sind Sie aber gleichzeitig ein anerkannter Virtuose für Kleinzeug. Wie konnte es soweit kommen?

PA: Na ja, da bin ich mir gar nicht so sicher, ob man das so eindeutig sagen kann, denn die meiste Arbeit habe ich noch immer mit den Opern. Ich schreibe jetzt an der zwanzigsten, ich wollte schon sagen Oper, wobei das nicht ganz korrekt wäre, also am zwanzigsten Musiktheaterwerk. Die meisten Musiktheaterstücke, die ich gemacht habe, sind Opern, aber eben nicht alle. Das sind doch ganz schön große Kisten, aber für mich als Instrumentalist ist das Kleinzeug viel wichtiger, da fühle ich mich auch viel wohler, weil doch das improvisatorische Element wieder einen großen Platz einnimmt. Ich glaube, es ist einfach deshalb dazu gekommen, weil ich in so einem großen Bogen – jetzt bin ich doch schon Mitte 50 – wieder zu dieser Art des Musizierens aus meiner Jugend zurückgekehrt bin.

JDS: Lieber Herr Androsch, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!
Di 30 Apr 20:00
Domplatz Mariendom Linz
TANZ AUF
DER ORGEL &
IN DEN MAI

Wolfgang Kreuzhuber, Pete Sabo

D. Buxtehude, A. Poglietti, u. a.
Mi 31 Okt 21:00
Mittlerer Saal Brucknerhaus Linz
HIMMEL II
Vergangene Veranstaltung