Vom Straßensänger zum Kammersänger

„E lucevan le stelle“ - „Und es blitzten die Sterne“. An diesem Abend im vergangenen Juni glänzten sie in der Wiener Staatsoper besonders hell, vor allem in Cavaradossis Arie im 3. Akt von Puccinis Tosca. Piotr Beczała sang sie derart souverän und intensiv im Ausdruck, dass das jubelnde Publikum eine Wiederholung erzwang. Der Jubel brandete nach Ende der Vorstellung dann noch einmal auf, als Direktor Dominique Meyer mit einer berührenden Rede Piotr Beczałas Ernennung zum Kammersänger bekannt gab. „Ich weiß, dass manche Leute solche Titel belächeln“, sagt Piotr Beczała im Gespräch mit SONORITY. „Mir aber bedeutet er sehr viel. Ich hätte niemals gedacht, dass ich das jemals schaffen würde. Bei meinem ersten Wien-Besuch, noch als Student, habe ich mir als Straßensänger auf der Kärntner Straße das Geld für den Aufenthalt verdient. Da bekam ich in einer Stunde fast so viel wie als Bauarbeiter an einem ganzen Tag, womit ich es zuerst versucht hatte. Schon damals habe ich die Staatsoper auf dem Stehplatz besucht, doch hätte ich nie zu träumen gewagt, selbst dort zu singen.“

Heute zählt die Wiener Staatsoper, an der er 1996 mit Anton Bruckners Te Deum unter Carlo Maria Giulini debütierte, zu jenen Häusern, denen sich Piotr Beczała besonders verbunden fühlt. Eine Herzensbeziehung hat er aber auch zu Linz, wo seine Karriere einst begann, denn von 1992 bis 1997 gehörte er dem Ensemble des Linzer Landestheaters an. „Bei Meisterklassen hatte ich von westlichen Studenten erfahren, dass man Agenturen vorsingen muss, um nach dem Studium ein Engagement zu erhalten. Diesem Rat folgte ich und bewarb mich bei Agenturen in München und Wien. Jene in Wien nahm mich in ihre Kartei auf und schickte mich zu Vorsingen nach Linz, St. Gallen und Luzern. Das Geld für das Benzin reichte nur noch für die Fahrt nach Linz. Dort musste es also klappen, und zum Glück, es hat geklappt! Ich bin dem damaligen Generalmusikdirektor Martin Sieghart sehr dankbar. Er war es, der mich engagiert und mir diese Chance gegeben hat.“

Linz und die Folgen

Es war eine harte Zeit in Linz. Schon in seinem ersten Jahr stand Piotr Beczała 120 Mal auf der Bühne, in vielen kleinen Rollen wie dem Spoletta in Tosca oder dem Dancaïro in Carmen, aber auch schon als Ferrando in Così fan tutte. „Das war besonders schwierig“, erinnert er sich. „Ursprünglich war ich als Ferrando nur Zweitbesetzung. Doch der erstbesetzte Tenor verabschiedete sich noch vor den Proben, worauf mich Martin Sieghart bat, das zu übernehmen. Alle anderen Partien waren doppelt besetzt, nur der Ferrando nicht. Ich musste also mit beiden Besetzungen proben, was mich sehr viel Kraft gekostet hat.“ Doch die Mühen haben sich gelohnt, in Linz legte Piotr Beczała das Fundament seiner Karriere, die ihn von da zunächst nach Zürich und in Folge an alle großen Bühnen dieser Welt führte. „Es war eine schöne Zeit in Linz und ich habe sehr viel gelernt. Ich arbeitete mit sehr guten Korrepetitoren und tollen Dirigenten zusammen – und mit einem fantastischen Orchester. So wie an der Wiener Staatsoper die Wiener Philharmoniker auch Oper spielen, sitzt in Linz das Bruckner Orchester im Graben. Diese Kombination von Konzert- und Opernorchester bringt viele Vorteile. Das hat Linz anderen Häusern in Städten vergleichbarer Größe voraus.“

Auch im Brucknerhaus hat Piotr Beczała damals schon gastiert, und er freut sich, im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes 2019 mit einem Liederabend dorthin zurückzukehren. „Man wünschte sich von mir ein Programm mit slawischen Liedern. Ich habe es speziell für das Brucknerhaus erarbeitet, mit Liedern von Tschaikowski, Stanisław Moniuszko und Mieczysław Karłowicz. Das kam auch meinen Wünschen entgegen, denn ich bemühe mich sehr, die Musik polnischer Komponisten unter die Leute zu bringen. Sie haben großartige Werke geschrieben, die man außerhalb Polens leider viel zu wenig kennt.“ Stanisław Moniusko, dessen Geburtstag sich heuer zum 200. Mal jährt, gilt als Begründer der polnischen Nationaloper, zu dessen bedeutendsten Werken die Oper Halka zählt. Im Dezember wird Piotr Beczała damit erstmals in Wien zu hören sein, allerdings nicht an der Staatsoper, sondern im Theater an der Wien. „Halka ist eine großartige Oper. Ihre Partitur wurde im Laufe der Zeit verändert, wir bemühen uns, zum Ursprung zurückzukehren und sie in ihrer originalen Gestalt auf die Bühne zu bringen.“

Der Weg ist das Ziel

Piotr Beczała steht heute am Zenit seiner Laufbahn. Neben seinen Glanzpartien im italienischen und französischen Fach hat er unter Christian Thielemann 2016 in Dresden als Lohengrin debütiert, womit er auch schon in Bayreuth erfolgreich war. Während jedoch die meisten seiner Kollegen im Laufe ihrer stimmlichen Entwicklung mehr oder weniger zwangsläufig Partien abgeben oder einen Fachwechsel vornehmen, ist Piotr Beczała in der Lage, trotz seiner Annäherung an Wagner – Stolzing und Parsifal schließt er nicht aus – auch weiterhin lyrische Rollen wie einen Edgardo in Lucia di Lammermoor oder einen Rigoletto-Herzog zu singen. „Ich bin für Repertoire-Erweiterung, nicht für Repertoire-Wechsel! Deshalb singe ich auch weiterhin einen Werther und in zwei Jahren wieder einen Lenski an der Met. Das hilft mir, meine stimmliche Flexibilität zu bewahren. Den Romeo singe ich allerdings nicht mehr auf der Bühne, sondern nur noch im Konzert. Ich bin über 50, das wäre in meinem Alter unglaubwürdig.“

Neu kommeneRadamès in Aida, Manrico in Il trovatore, später vielleicht einmal Kalaf in Puccinis Turandot hinzu. Von den großen Verdi-Partien fehlen somit nur noch Don Carlo, Don Alvaro und Otello. „Don Carlo interessiert mich nicht. Wenn man diese Partien mit einer Fahrt auf einer Autobahn vergleicht, dann liegen Duca, Alfredo, Gustavo, Alvaro und Radamès auf einer Spur, die zum Otello führt. Don Carlo ist eine Parkplatzrolle. Ich finde, dass es für die Entwicklung eines Tenors nicht notwendig ist, ihn zu singen.“

Piotr Beczała verfügt über eine der schönsten Tenor-Stimmen unserer Zeit, mit der er kraftvoll zu attackieren versteht, der er aber auch ungemein zarte, an Nuancen und Farben reiche Schattierungen entlockt. Im Grunde würde er die Bühne gar nicht brauchen, ihm gelingt es allein mit vokalen Mitteln, den Charakter einer Figur, und sei diese noch so komplex, perfekt zu gestalten. „Ich habe unlängst mit Anna Netrebko darüber gesprochen: Perfektion geht nicht. Das wäre langweilig. Schön ist es dann, wenn man der Perfektion nahekommt. Der Weg ist das Ziel.“ Es gehe darum, so Piotr Beczała, die Spannung und die Emotionen zu vermitteln, die ein Komponist in seine Musik hineingelegt hat. „Es gibt viele Komponenten, die einen guten Opernsänger ausmachen. Ich hatte das große Glück, in Linz Dale Fundling zu begegnen, der 19 Jahre lang mein Gesangslehrer werden sollte. Wir haben alles auf den Kopf gestellt, was ich bis dahin gelernt hatte. Er hat mir geholfen, mich als Tenor neu zu erfinden. Wichtig beim Singen ist zum Beispiel die Vorstellungskraft. Ich muss mir einen Ton vorstellen können, bevor ich ihn singe. Singen ist eine mehrdimensionale, komplexe Angelegenheit. Daran arbeite ich bis heute.“ Je erfahrener ein Sänger wird, umso souveräner verfügt er in der Regel über reiche stimmliche Mittel. Hilft das beim Singen? „Jein“, lautet Piotr Beczałas spontane Antwort. „Anfangs ist man froh, einen einigermaßen guten Ton herauszubringen. Später bemüht man sich um Farben, um stilistische Fragen und anderes mehr. Die Sache wird dadurch aber auch komplizierter, weil man viel mehr Möglichkeiten hat.“

Trotz seines Ruhms ist Piotr Beczała ein bodenständiger und warmherziger Mensch geblieben. Freundschaften bedeuten ihm viel, daher wird er seinen Auftritt im Brucknerhaus auch dazu nutzen, sich mit FreundInnen aus seiner Linzer Zeit zu treffen und Erinnerungen aufzuwärmen. „Ich habe in keinem Theater der Welt so viel Zeit verbracht wie in Linz. Jedes Mal, wenn ich nach Linz komme, ist das wie eine Heimkehr.“

Peter Blaha

So 6 Okt 18:00
Grosser Saal Brucknerhaus Linz