11.04.2021

Zeit, Erinnerung und Musik: Heikko Deutschmann im Interview

In diesem Jahr feiert die Welt den 150. Geburtstag von Marcel Proust. Mit seinem monumentalen Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit hat der Pariser Autor ein Meisterwerk der literarischen Moderne und zugleich ein reich koloriertes Bild der Belle Époque in Frankreich geschaffen. Der größte Teil dieses Zyklus erschien posthum, für den Band Im Schatten junger Mädchenblüte, den er noch zu Lebzeiten veröffentlichen konnte, erhielt Proust 1919 den renommierten Prix Goncourt. 

Auszüge aus der Suche nach der verlorenen Zeit wird der beliebte Theater-, Film- und Fernsehstar Heikko Deutschmann am 26. Mai 2021 im Brucknerhaus Linz lesen. Da in diesem Roman auch die Musik eine große Rolle spielt, erklingen dazu Kompositionen von Prousts Zeitgenossen, gespielt von Ulf Schneider (Violine) und Jan Philip Schulze (Klavier). 

 

Der Schauspieler Heikko Deutschmann über Marcel Prousts Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, aus dem er im Brucknerhaus lesen wird. 

„Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding“, lässt Hugo von Hofmannsthal seine Marschallin im Rosenkavalier räsonieren. Nicht die messbare, objektive Zeit steht im Zentrum ihrer melancholischen Betrachtungen, sondern das subjektive Zeitempfinden, das um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zum Thema der Literatur wurde. Keiner hat es wohl so erforscht wie Hofmannsthals Zeitgenosse Marcel Proust, der mit seinem siebenbändigen Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit dieses subjektive Zeitgefühl in all seiner Komplexität und Vielschichtigkeit dargestellt und ihm eine Sprache gegeben hat. Mit Recht gilt dieser Roman daher neben Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften, Thomas Manns Der Zauberberg oder James Joyces Ulysses als Meilenstein der literarischen Moderne.

Auszüge aus Prousts monumentalem Meisterwerk wird im Brucknerhaus ein Schauspieler lesen, der es großartig versteht, komplexe und vielschichtige Figuren zum Leben zu erwecken; der selbst in Fernsehserien über viele Folgen hinweg das Interesse an einem Charakter wachzuhalten vermag, indem er ständig neue Facetten an diesem aufzeigt und der daher wie kaum ein anderer prädestiniert scheint, Prousts Sprache in all ihren Verzweigungen gerecht zu werden: Heikko Deutschmann. Natürlich reiche die Dauer einer Lesung mit Musik nicht aus, um auch nur ansatzweise den Gang der Handlung eines so umfangreichen Werks anzudeuten, erklärt der beliebte Theater- und Fernsehschauspieler im Interview, der sich schon seit seiner Jugend brennend für Literatur interessiert. „Auf die Handlung kommt es aber auch gar nicht an. Man kann an solch einem Abend nur auf bestimmte Aspekte hinweisen. In diesem Fall sind das jene, wofür dieses Buch berühmt ist. Es geht um Zeit und um Erinnerung, und es geht um Musik.“

Heikko Deutschmann ©Mathias Bothor
Heikko Deutschmann ©Mathias Bothor

Proust entdeckte, dass scheinbar Nebensächliches spontan und unwillkürlich Erinnerungen erwecken kann. Dem autobiografisch gefärbten Ich-Erzähler, der sich in der mondänen Welt des Faubourg Saint-Germain bewegt, widerfährt dies etwa beim Eintauchen einer Madeleine in eine Tasse Tee oder beim Duft einer Weißdornhecke, während für Swann, einer weiteren Romanfigur, eine Melodie aus einer Sonate des fiktiven Komponisten Vinteuil zum Vehikel der Erinnerung seiner Liebe zu Odette wird. Camille Saint-Saënsʼd-Moll-Violinsonate dürfte neben anderen Werken ein Vorbild für Vinteuils Sonate geliefert haben, französische Musik aus der Zeit Prousts, einschließlich jene seines Freundes Reynaldo Hahn, ist daher an diesem Abend ebenfalls zu erleben.

Für einen Leser und Vorleser sei es spannend, sich der Energie dieses Textes zu überlassen, führt Heikko Deutschmann aus. „Alles bis in die letzte Windung hinein erklären zu wollen, würde nicht funktionieren. Es geht tatsächlich um eine große Energie, die man beim Lesen mitnimmt, um einen Fluss von Assoziationen und Ideen. Wenn Proust im Leben tatsächlich so gesprochen hat, wie er schreibt, dann war er offensichtlich ein extrem zerrissener Mensch. Dann hat das aber genau mit dieser Energie zu tun, die von einer Insel auf die nächste springt. Das kann man mit einer Lesung verdeutlichen.“

Die Notwendigkeit, Prousts gesamten Roman aufzunehmen, der immerhin rund 4500 Seiten umfasst, sieht Heikko Deutschmann, der unzählige Hörbücher eingespielt hat, mit Hinweis auf Peter Matić nicht. „Er hat das so großartig gemacht, weshalb es keinen Grund gibt, es nochmals aufzunehmen.“ Schon eher würde es ihn reizen – „sofern mir jemand viel Geld schenken würde“, wie er lachend ergänzt –, sich diesem Roman filmisch zu nähern. Zahlreiche Drehbücher hat er bereits verfasst, eines selbst auch realisiert, wofür er prompt mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde. „Ich würde in diesem Fall statt eines Drehbuchs ein Konzept verfassen. Vielleicht könnte man auf einer formalen Ebene mit Prousts Text und bestimmten Bildern dem Kern dieses Werks nahekommen.“ Den Kern hat Proust im letzten Band auf den Punkt gebracht: Was wir unsere Wirklichkeit nennen, sei nichts anderes als die Verbindung unserer Empfindungen und Erinnerungen. „Das trifft es haargenau“, sagt Heikko Deutschmann, „dem müsste so ein Film gerecht werden.“

Einem breiten Publikum ist Heikko Deutschmann vor allem vom Fernsehen her bekannt. Doch der in Innsbruck geborene Sohn eines Ärztepaars hat am Beginn seiner Laufbahn zunächst Theater gespielt, und zwar sofort unter Regiegrößen wie Peter Stein, Jürgen Flimm, Robert Wilson oder Ruth Berghaus. Wie ist das damals gelaufen? „Katastrophal! Vor allem für die anderen! Ich konnte ja nix!“, gibt er lachend zur Antwort. „Trotzdem waren alle, die Sie genannt haben, freundlich genug, mich nicht vom Hof zu jagen. Gelernt habe ich eine Menge.“ Dem Theater kehrte er Mitte der 1990er- Jahre den Rücken, weil ihn die formalen Experimente jener Zeit gelangweilt hatten. Erst in jüngerer Vergangenheit ist er wieder auf die Bühne zurückgekehrt und weiß mittlerweile beide Metiers, Film und Theater, zu schätzen, auch weil sie sich wechselseitig befruchten. Das Lesen aber ist immer seine große Passion geblieben, ebenso das Vorlesen: „Wahrscheinlich nerve ich jene Menschen, mit denen ich lebe, weil ich ihnen gerne vorlese. Meinen beiden Töchtern habe ich oft vorgelesen und wenn sie dann eingeschlafen waren, habe ich noch ein Kapitel angehängt, weil ich wissen wollte, wie es weitergeht.“

 

Peter Blaha

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