Festival 4020 - Die Schwimmerin © Astrid Esslinger
Do, 5. Mai 22
19:30 Mittlerer Saal Brucknerhaus Linz
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EIN WEISSER, STILLER HIMMEL

„Ob ich modern bin oder nicht, ist mir gleichgültig. Wichtig ist mir die innere Wahrheit meiner Musik.“ Die Komponistin Sofia Gubaidulina verweist auf ihren selbst gewählten Anspruch, in ihren künstlerischen Äußerungen stets bei sich zu bleiben. Ihre Werke sind geprägt von einer tiefen Spiritualität – so sagt sie: „Wenn ich komponiere, dann spreche ich mit Gott“.

Die Werke der 1931 in Tschistopol (Republik Tatarstan) geborenen und in Moskau ausgebildeten Komponistin wurden mit einem Aufführungsverbot belegt, da ihre Ästhetik nicht den Vorstellungen des Sowjet-Regimes entsprach. Sie blieb trotzdem im Land, und Schostakowitsch ermutigte sie einst, ihren Weg trotz aller Widrigkeiten beharrlich weiterzugehen. 1992 emigrierte sie nach Deutschland, wo sie heute in der Nähe von Hamburg lebt und trotz ihres hohen Alters noch komponiert. Sie vertraut dem, was sie in ihrem Inneren hört: „Stille und Einsamkeit sind mir wichtig. (…) Nur die Laute der Natur bleiben, sonst Stille, dann spüre ich: Das ist mein echtes Ich. Mein Leben.“

Das Duo für Violine und Violoncello, „Rejoice“ (Freue Dich), komponierte Sofia Gubaidulina im Jahr 1981. Die Titel der fünf Sätze entnahm sie den Schriften des ukrainischen Philosophen, Theologen und Musikers Gregorius Skoworoda (1722 - 1794). Das Stück spielt mit dem Begriff der Freude in einem indirekten Sinn: Der Mehrklang von Saiteninstrumenten dient als Metapher des Übergangs in eine andere Daseinsebene, eine Art Verklärung.

Als Iannis Xenakis 1947 aus politischen Gründen aus Griechenland nach Paris emigrierte, wurde er Mitarbeiter des Star-Architekten Le Corbusier und nahm parallel dazu Kompositionsunterricht bei Olivier Messiaen. Die Verbindung von Architektur und Mathematik mit Musik steht symptomatisch für Xenakis‘ Herangehensweise an kompositorische Konstruktionen. Dabei klingt seine Musik keineswegs wie vom Reißbrett. Er meinte, „das musikalische Werk [müsse] ein lebendiger Organismus sein“. Das Duo „Dhipli Zyia“ aus dem Jahr 1952 zählt zu seinen ersten Werken; sie standen unter dem Einfluss von Bartók und Kodály. Traditionelle Volksweisen klingen darin ebenso an wie die für Xenakis so charakteristische packende Energie.

Der ungarische Komponist und Dirigent Peter Eötvös hat sein Stück „Adventures of the Dominant Seventh Cord” aus dem Jahr 2019 nach dem markanten Dominantseptakkord benannt. Auf diesen folgt zumeist ein finaler Klang, selten wird man von einem Komponisten auf eine falsche Fährte gelockt … Eötvös' Musik wechselt behände zwischen zwei Musikkulturen: der west- und der osteuropäischen, zwischen denen der Komponist keine Konfliktlinie sieht. Vielmehr geht es hier um den unterschiedlichen Zugang: Die musikantisch improvisierende siebenbürgische Tanzmusik auf der Fiedel und die komponierte, ausnotierte Melodie im Sinne einer „Kunstmusik“. Peter Eötvös sagt über den Titel „Die Abenteuer des Dominantseptakkords“: „Würde er in den Spiegel schauen, würde er sich kaum wiedererkennen, denn seine Intervalle sind größer oder kleiner geworden: ständige Überraschungen, ein echtes Abenteuer“. Die grandiose Geigerin Nurit Stark hat bereits die Uraufführung des Stücks gespielt und eröffnet mit diesem Konzert zum zweiten Mal das Festival 4020.

Programm


Sofia Gubaidulina (*1931)

Rejoice für Violine und Violoncello

 

Peter Eötvös

Adventures of the Dominant Seventh Cord (2019)

 

Iannis Xenakis (1922-2001)

Dhipli Zyia für Violine und Violoncello

 

Besetzung

Nurit Stark | Violine 

Giovanni Gnocchi | Violoncello

Das Festival 4020 findet in Kooperation mit der LIVA und dem Brucknerhaus Linz statt.

Nurit Stark
Giovanni Gnocchi