13.01.2026

Timothy Chooi im Interview

Niemals mit Autopilot

Violinist Timothy Chooi bringt mit dem Prague Radio Symphony Orchestra unter Alevtina Ioffe Max Bruchs Violinkonzert Nummer 1. Warum der Geiger das energetische Werk besonders schätzt und wie er generell versucht, durch sein musikalisches Tun Menschen zusammenzubringen.

von Theresa Steininger

Timothy Chooi ist ein Geige spielender Universitätsprofessor – und das nicht nur, indem er Studierende lehrt, das Instrument zu beherrschen, sondern indem er tatsächlich auch intensiv wissenschaftlich arbeitet. Der kanadische Violinist, der sich in den vergangenen Jahren international einen Namen gemacht hat, forscht zum Thema gesellschaftliches Engagement und kultureller Dialog im Zusammenhang mit Aufführungen klassischer Musik. Wie sich das auf sein eigenes Spiel auswirkt, davon kann sich das Linzer Publikum überzeugen, wenn Chooi mit dem Prague Radio Symphony Orchestra unter Alevtina Ioffe Max Bruchs Violinkonzert Nr. 1 präsentieren wird. Denn seine wissenschaftliche Arbeit bestimme, so sagt Chooi im Interview, »meine Werkauswahl mit und Überlegungen, die ich zu einzelnen Stücken anstelle. Dank meiner Forschungen ist mein Spielen fundierter und ich kann besser verstehen, wie Musik sich entwickelt.« Er interessiere sich, so lässt Chooi wissen, »dafür, wie und warum wir auftreten – und für die kulturellen Vermächtnisse, die wir in uns tragen, hinterfragen und weitergeben«.

Der Violinist, der bereits im Alter von drei Jahren mit seinem Instrument begann, trat mit 16 Jahren mit dem Orchestre symphonique de Montréal auf, sein Bruder Nikki ist ebenso ein berühmter Geiger und war Konzertmeister in der Metropolitan Opera New York. Timothy Chooi wurde in der Branche bekannt, als er 2019 den zweiten Preis beim renommierten Wettbewerb Reine Elisabeth in Brüssel gewann. Es folgten sein erster Preis beim Joseph-Joachim-Violinwettbewerb in Hannover, seine Auftritte mit dem Montreal Symphony Orchestra, bei denen er als »Wunder-Violinist« bezeichnet wurde, dem Toronto Symphony Orchestra, dem Royal Philharmonic Orchestra, dem Chicago Symphony Orchestra und weiteren mehr sowie Konzerte in der Carnegie Hall und der Royal Albert Hall in London. Auch mit Pinchas Zuckerman, der einst auch sein Lehrer war, war er auf dem Podium zu erleben. Anne-Sophie Mutter holte Timothy Chooi für eine Tournee in die Riege der Mutter’s Virtuosi, was Auftritte im Musikverein Wien, im Théâtre des Champs-Élysées, in der Berliner Philharmonie und anderen renommierten Häusern brachte. Außerdem hat Chooi mit Künstler:innen wie Yuja Wang, Kent Nagano, Gianandrea Noseda und Stéphane Denève zusammengearbeitet. Im Brucknerhaus ist er bereits mit dem Bruckner Orchester Linz unter Antonio Méndez und mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Jukka-Pekka Saraste aufgetreten, letzteres war 2022 sein Debüt am Haus.

Timothy Chooi © Den Sweeney
Timothy Chooi © Den Sweeney


In der aktuellen Saison sind auch Auftritte mit dem Prague Symphony Orchestra und dem Calgary Philharmonic Orchestra auf seiner Agenda, darunter solche in München, Paris, Antwerpen, Prag und vielen mehr, außerdem ein Konzert im Musikverein Wien mit dem Wiener Concert-Verein. Zusätzlich zu all diesen Erfolgen wurde Chooi mit 27 Jahren einer der jüngsten Professoren der Universität Ottawa und ist von dieser zuletzt auch für seine Bemühungen ausgezeichnet worden. Dabei ziele seine Forschung, wie er beschreibt, »darauf ab, Menschen durch Auftritte, gesellschaftliches Engagement und kulturellen Dialog miteinander zu verbinden«.

Typische Würze

Wenn er nun ins Brucknerhaus Linz kommt, hat Chooi unter anderem jenes Werk im Gepäck, das er hier schon vor fünf Jahren präsentieren wollte, was die Pandemie jedoch vereitelte. Nun aber wird sich das Publikum ein Bild davon machen können, wie der Solist Max Bruchs Violinkonzert Nr. 1 sieht und interpretiert. Zusätzlich wird er bei Antonín Dvořáks Romanze für Violine und Orchester f-Moll zu hören sein.  

Er selbst werde sich dabei einzig durch die Musik an das Publikum wenden, hoffe aber, dass sich vielleicht danach Gespräche dazu ergeben, ist doch gerade Bruchs Violinkonzert ein Stück, das er seit dem 9. Lebensjahr spielt und das »für mich ein Zeugnis meines persönlichen Wachsens ist«. Vor wenigen Monaten hat er just dieses auch mit dem Tokyo Symphony Orchestra in Tokio gespielt und dabei sein Debüt mit diesem Klangkörper gegeben, was er selbst als »Meilenstein seiner Karriere« bezeichnet. »Bruchs Konzert ist eines, bei dem man auf Autopilot stellen könnte, weil es schon so oft interpretiert wurde, aber meiner Meinung nach verdient es viel mehr Tiefgang.« Er beschreibt es als »kompakt und effizient, gleichzeitig geht es direkt ins Herz. Es hält sich nie zurück und ist sehr elegant und freigiebig.« Er wolle in Linz »verstärken, was es ausdrücken möchte, und die richtige Balance zwischen meiner persönlichen Interpretation und der typischen Würze dieses Stücks finden«. Dvořáks Romanze ihrerseits habe für ihn »eine sehr intime, innige Qualität« und wirke »wie ein persönliches Lied, voller Wärme und Schlichtheit. Ich liebe, wie natürlich das Stück ›singt‹ und wie es eine leise, ruhige Atmosphäre schafft, die einen wunderbaren Kontrast zu Bruch bildet«, sagt Chooi.

Was vor allem Bruchs Violinkonzert betrifft, hoffe er, dass das Linzer Publikum »die Ohren öffnet für ein Stück, das es vielleicht schon oft gehört hat, aber sicher noch nie so. Das geschieht auch dadurch, dass es diese Kombination aus mir, dem Orchester und der Dirigentin noch nie gegeben hat.« Just im Zusammenhang mit seiner Forschung findet er bemerkenswert, »dass ein chinesisch-kanadischer Violinist mit einer russischen, nun in der Schweiz lebenden Dirigentin und einem tschechischen Orchester zusammenarbeitet. Das hätte sich vor 100 Jahren niemand vorstellen können.« Er freue sich besonders, in Europa zu spielen, so Chooi, »denn es gibt Regionen auf der Welt, wo Klassik heutzutage Schwierigkeiten hat, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden – aber nicht hier. Mit speziellen internationalen Kooperationen wie unserer bringen wir nun in Linz unsere Kräfte zusammen, um ein Stück so zu präsentieren, wie es das verdient hat. Ich finde, das ist eine Geschichte für sich.«

 

Mi, 11. Feb 26, 19:30, Großer Saal, Brucknerhaus Linz

Ioffe, Chooi & Prague Radio Symphony Orchestra

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