Franzobel im Gespräch

Franzobel hat mit Hanni einen Monolog über eine bemerkenswerte Frau geschrieben. Mit der Musik von Gerald Resch gelangt er am 10. März zur Uraufführung.

Hanni Rittenschober blickt auf ein langes und entbehrungsreiches Leben zurück. Als Tochter eines Knechts, der im Sautrog schlafen musste, kannte auch sie von klein auf nur bitterste Armut. Mit ihrem Vater wurde sie gezwungen, beim Bau der Baracken für das Konzentrationslager Gusen mitzuarbeiten, später wurde sie Zeugin der „Mühlviertler Hasenjagd“ – und hat das Unrecht nicht nur erkannt, sondern wo sie konnte, den Opfern auch geholfen. Ihr Mann kehrte 1947 traumatisiert aus der Kriegsgefangenschaft zurück, vertrank und verspielte alles, sodass Hanni ihre sechs Kinder allein durchbringen musste.

Auf Grundlage dieser Biographie hat der oberösterreichische Erfolgsautor Franzobel ein Monodram für die bekannte Schauspielerin Maxi Blaha verfasst, zu dem der Linzer Gerald Resch die Musik schrieb. Am 10. März, dem 99. Geburtstag von Hanni Rittenschober, erlebt dieser Monolog im Brucknerhaus seine Uraufführung. 

Mit Franzobel sprach Peter Blaha.

 

Wie wurden Sie auf Hanni Rittenschober aufmerksam?

Durch eine zufällige Bekanntschaft mit ihrem Sohn, dem Fotografen Joseph Gallus Rittenberg. Mich hat die Geschichte sofort fasziniert, weil sie die letzten hundert Jahre aus der Perspektive ganz einfacher Leute zeigt. Leute, die in der offiziellen Geschichtsschreibung nicht vorkommen, denen die großen Ereignisse der Weltgeschichte immer wieder das Leben umkrempeln, Leute, die kämpfen müssen, um durchzuhalten, damit sie von den Umwälzungen nicht zerrieben werden, nicht untergehen, weil sie dauernd das zu spüren bekommen, was die Mächtigen beschließen. 

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Maxi Blaha & Hanni Rittenschober © Georg Buxhofer

Haben Sie Hanni Rittenschober persönlich kennenlernen dürfen? Wenn ja, wie sehr ist „ihre“ Sprache, ihre Art, sich auszudrücken, in den Text eingeflossen?

Ich habe Hanni zweimal in Galla, wie sie Gallneukirchen nennt, besucht und mit ihr und ihrer Verwandtschaft zwei intensive Nachmittage und Abende verbracht. Das war immer ein großer Auftrieb, ihre Kinder waren da, die Lebenspartner ihrer Kinder, Joseph Gallus ist extra aus München angereist … kleine Familienfeste mit sehr vielen Erinnerungen, von jedem etwas anders erzählt, sodass ich die Familiengeschichte immer gleich aus vielen verschiedenen Perspektiven serviert bekommen habe. Eine sehr lukullische Narra­tion. Am Ende habe ich mich immer selbst wie ein Mitglied dieser herzlichen Familie gefühlt. Das waren emotional sehr ergreifende Begegnungen, die mich immer dankbar und demütig gemacht haben. 

Der Untertitel des Monologs lautet „Von der kleinen Leute Größe“. Ist es das, was Sie an Hanni Rittenschober besonders fasziniert, dass nämlich sie, die sich keine Bildung aneignen konnte, dennoch zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden versteht, ganz einfach deshalb, weil sie das Herz am rechten Fleck hat? Viele Intellektuelle waren in der NS-Zeit dazu nicht fähig, ganz im Gegenteil…

Oft sind die einfachen Leute viel anständiger als die gebildeten, was sich gerade in harten Zeiten zeigt. Hanni ist ein Prachtexemplar der „kleinen Leute“, in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen, ohne Chance auf Bildung, immer hart arbeitend, hat sie sich doch ein großes Herz bewahrt. Obwohl sie oft von Leuten umgeben war, die ihr böse mitgespielt haben, ist sie liebevoll und tolerant geblieben, nicht verhärmt, nicht neidisch, nicht humorlos, ohne Vorurteile. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass Herzensbildung genauso wichtig ist wie intellektuelle Bildung, da kann man viel von ihr lernen. Und ihr Humor ist für eine fast Hundertjährige sowieso einzigartig. 

Auch sonst gibt es immer wieder Bezüge zur Musik oder zu Werken, die auf Musik anspielen, z. B. auf das Gedicht Todesfuge von Paul Celan. Wie sehr haben Sie Musik mitgedacht, als Sie den Text geschrieben haben? Ist er ein echtes Libretto oder funktioniert er auch ohne Musik?

Natürlich funktioniert der Text auch als Text, hoffe ich zumindest, aber durch die Musik wird er auf eine andere Stufe gehoben. Im besten Fall ist er ein librettotauglicher Monolog. Mein musikalisches Vorstellungsvermögen ist leider sehr beschränkt, ich habe mir also eher einfache Melodien vorgestellt und bin gespannt, was Gerald Resch dazu eingefallen ist. 

Wie verlief die Zusammenarbeit mit Gerald Resch?

Wie immer in solchen Fällen, Gerald hat den fertigen Text bekommen und durfte ihn verwenden, wie er ihn gebraucht hat. Ich kann ja keine Noten lesen, besitze aber ein ganz gutes Rhythmusgefühl, weshalb Komponisten mit meinen Texten meist viel Freude haben, weil sie sich gut vertonen lassen. Ich mische mich in diesen Prozess nicht ein, gebe den Komponisten aber immer die Freiheit, kleine Umstellungen vornehmen zu dürfen, damit sich alles fügt. 

Maxi Blaha wird den Monolog vortragen. Früher haben Komponis­ten ihre Musik mitunter bestimmten InterpretInnen auf den Leib geschrieben. Sind Sie bei diesem Text ähnlich verfahren? 

Das würde ich mir nicht anmaßen. Ich habe beim Schreiben immer eine innere Stimme im Ohr und sehe alles in meinem Kopftheater. Durch den Mund eines Schauspielers klingt das dann immer anders, manchmal besser, manchmal schlechter, aber solange sich meine virtuellen Kopfschauspieler nicht hervorzaubern lassen, muss ich Lebenden meine Texte anvertrauen. 

Hanni Rittenschober lebt noch, im März 2021 wird sie ihren 100. Geburtstag feiern. Haben Sie diesen Umstand beim Schreiben des Monologs ausblenden können oder haben Sie sich zwischendurch die Frage gestellt, wie Hanni Rittenschober diese oder jene Passage wohl auffassen würde?

Man hat als Autor immer eine Verantwortung gegenüber den Perso­nen, über die man schreibt, da spielt es keine Rolle, ob sie noch leben oder nicht. Ich will den Leuten gerecht werden und ihre Geschichten möglichst wahrhaftig erzählen. Gleichzeitig brauche ich als Autor alle Freiheiten, damit ein Text funktioniert. Einerseits also die Pflicht zur Wahrheit, andererseits der Freiheitsdrang eines Textes, der entfesselt sein will. Das ist ein Spagat, der nicht immer einfach ist, aber letztlich kann man es nicht allen recht machen. Der Text bekommt ein Eigenleben und im geglückten Fall auch eine Poesie, deren Wahrheit gültig ist. 

Möglicherweise wird Hanni Rittenschober zur Uraufführung von Hanni ins Brucknerhaus kommen? Sind Sie deshalb aufgeregt?

Überhaupt nicht. Ich hoffe, sie erlebt die Aufführung und freut sich über diese kleine Hommage an ihr bewegtes Leben. So wie ich sie einschätze, steht sie ohnehin über den Dingen, und das ist auch gut so.

 

DI | 10 MÄR | 19:30
GROSSER SAAL
BRUCKNERHAUS LINZ

Tickets

Robert Franzobel © Georg Buxhofer/Paul Zsolnay Verlag
Franzobel © Georg Buxhofer/Paul Zsolnay Verlag