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PK Neue Orgel

07
May

Im Rahmen der heutigen Pressekonferenz wurde das Projekt des Orgelneubaus im Brucknerhaus vorgestellt.

Die alte Orgel, die mit der Eröffnung des Brucknerhauses 1974 ihrer Bestimmung übergeben wurde, ist im Konzertbetrieb längst nicht mehr einsatzfähig. Ihre Stimmung ist zu hoch, wodurch ihre Verwendung  bei Orchesterkonzerten nicht möglich ist. Dazu kommen statische Probleme und solche der Zugänglichkeit, was Pflege und Wartung der Orgel erschwert. Bei einer genauen Überprüfung stellte sich auch heraus, dass die bauliche Substanz der alten Orgel in einem sehr schlechten Zustand ist. Aus all diesen Gründen ist man von der ursprünglichen Überlegung einer Generalsanierung abgekommen und hat sich für einen Neubau entschieden, bei dem jedoch die ursprüngliche Fassade erhalten bleibt.

Der Neubau wurde ausgeschrieben, den Zuschlag bekam die international renommierte Firma Rieger Orgelbau, die u.a. die neue Orgel im Großen Saal des Wiener Musikvereins sowie die Orgel in der neuen Pariser Philharmonie gebaut hat. Die Kosten für den Neubau belaufen sich auf knapp 1,1 Millionen Euro.

Der Linzer Bürgermeister Klaus Luger sprach von „einer großen finanziellen Herausforderung für die Stadt, doch wir haben es geschafft. Wir mussten so handeln, weil die Orgel nicht mehr der Zeit entsprach.“

Brucknerhaus-Intendant Dietmar Kerschbaum bezeichnete den 7. Mai 2018 als „historischen Tag für das Brucknerhaus und für Linz“. „Mit der neuen Orgel schließen wir an internationale Standards an.“ Außerdem kündigte er für die Zukunft einen Orgelimprovisations-Wettbewerb an.

Anton Bruckner wurde einst im In- und Ausland für seine Orgelimprovisationen gefeiert. 

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Die passende Orgel für den Saal

Orgelbauer Wendelin Eberle (Rieger Orgelbau) im Interview

BRUCKNERHAUS: Problematisch an der alten Brucknerhaus-Orgel ist, dass  sie zu hoch gestimmt ist. Warum aber ist ein Neubau erforderlich, warum reicht es nicht aus, die Orgel zu renovieren?

EBERLE: Grundsätzlich könnte man das Problem der viel zu hohen Stimmung mit einem immensen Aufwand lösen, indem man alle Pfeifen umbaut. Man könnte auch andere Register einbauen, um die Stilistik den Anforderungen einer modernen Konzertorgel anzupassen. Das wurde im letzten Sommer auch so angedacht. Doch vom Umfang her käme dies einem Neubau schon recht nahe, so dass es eigentlich keinen Sinn mehr machen würde, das alte Material zu behalten. Den Ausschlag für den Neubau gaben letzten Endes aber die bauliche Substanz der alten Orgel sowie ihre Unzugänglichkeit. Baulich ist die alte Orgel in einem denkbar schlechten Zustand. Es gibt statische Probleme, die Türme hängen um mehr als zehn Zentimeter zurück. Ich würde keine Garantie abgeben, dass die Orgel nicht irgendwann zusammenbricht. Das zweite Problem ist ihre erschwerte Zugänglichkeit. Eine Orgel kann nur dann in einem guten Zustand erhalten werden, wenn man sie gut pflegen kann, wenn man leicht an ihr Innenleben herankommt. Das ist bei der alten Orgel nicht der Fall, sie ist komplett verbaut. Außerdem hat sie ein klangliches Problem: Sie entfaltet den Klang nicht, wächst nicht mit den Registern. Einzelne Register klingen zwar recht schön, wenn man aber mehr Register hinzunimmt, dann verschließt sich die alte Orgel. Sie verkapselt sich, sie öffnet sich nicht, was sie tun müsste, so wie der Klang des Orchesters größer wird, je lauter es spielt. Aus all diesen technischen und ästhetischen Überlegungen heraus ist ein Neubau absolut sinnvoll.  

 

BRUCKNERHAUS: Im klassischen Musikbetrieb werden heute eine breite stilistische Vielfalt sowie eine große stilistische Flexibilität gefordert. Ist das eine spezielle Herausforderung an eine Orgel im Konzertsaal, die möglichst viele stilistische Facetten abdecken sollte?

EBERLE: Genau darin besteht die Herausforderung im Konzertsaal. Im kirchlichen Bereich baut man eher Stilorgeln, oder man versucht zumindest, sich einem bestimmten Stil anzunähern. Im Konzertsaal dagegen ist es absolut notwendig, eine vielseitige Orgel zu haben, eine universelle Orgel, die in der Lage ist, ihr klangliches Gesicht zu verändern beziehungsweise der jeweiligen Situation anzupassen. Bei einer Konzerthausorgel geht es nicht um stilistische Authentizität, sondern darum, dass sie in jeder Situation schön und gut klingen kann. Sie braucht auch eine wesentlich größere Dynamik als eine Kirchenorgel. Die Orgel muss zu einem absoluten Pianissimo fähig sein und stufenlos bis zum Fortissimo anschwellen können, wie das auch von einem klassischen Orchester verlangt wird. Mal begleitet die Orgel ein Orchester, mal einen Chor oder ein kleineres Ensemble, mal ist sie Soloinstrument. Der Orgel stellen sich viele unterschiedliche Aufgaben in einem Konzertsaal, die man beim Bau berücksichtigen muss  

 

BRUCKNERHAUS: Temperaturschwankungen während eines Konzerts wirken sich zumeist auch auf die Instrumente aus. Deren Stimmung verändert sich. Wie bekommt man bei der Orgel das Problem der Stimmung in den Griff?

EBERLE: Wir unterscheiden zwischen Stimmung und Tonhöhe. Im Orgelbau haben verschiedene Stimmungen Tradition. Das Klavier ist gleichstufig gestimmt. Orgeln hingegen, vor allem im kirchlichen Bereich, sind meist irgendwo zwischen mittetönig und gleichstufig gestimmt. In der gleichstufigen, auch wohltemperierte Stimmung genannt, klingt genau genommen alles unrein. Speziell die Kirchenmusikliteratur bevorzugt bestimmte Tonarten, daher tendiert man im Orgelbau zu diesen Tonarten, womit man natürlich riskiert, dass die anderen Tonarten noch unreiner klingen als in der gleichstufigen Stimmung.  Im Konzertsaal ist das nicht möglich, weil die Orgel dort mit dem Orchester zusammenspielen muss. Daher ist dort eine gleichstufige Stimmung erforderlich. Was die Tonhöhe anlangt besteht das Problem darin, dass Konzertorgeln in den 1960er- und 1970er-Jahren oft zu hoch gestimmt sind. Die Pfeifen sind auf eine bestimmte Länge gebaut, der Bereich, in dem man sie höher oder tiefer stimmen könnte, ist daher sehr begrenzt. Außerdem würde das den Klang der Orgel als Ganzes verändern. Das Problem der Temperaturschwankungen ist tatsächlich groß. Wenn man an eine Kirche denkt, in der es im Winter fast Null Grad haben kann, im Sommer aber 25 bis 30 Grad warm sein kann, ergeben sich Schwankungen von zehn, 15 Hertz, die die Orgel mitmacht. Im Konzertsaal kann die Temperatur während eines Konzerts um zwei bis vier Grad steigen. Bei einer Schwankung von 0,8 Hertz pro Grad können da schon bis zu drei oder vier Hertz zusammenkommen. Ein zusätzliches Problem besteht darin, dass die Orgel nicht als Ganze gleichmäßig höher wird, sondern die Pfeifen unterschiedlich reagieren. Das sind Herausforderungen, denen man sich beim Orgelbau stellen muss.  

 

BRUCKNERHAUS: Was nun konkret die Brucknerhaus-Orgel betrifft: Beschränkt sich ihr Neubau allein auf ihre innere Mechanik, oder wird sich diese auch auf ihr äußeres Erscheinungsbild auswirken?

EBERLE: Auflage des Denkmalamts ist es, dass die Optik erhalten bleiben muss. Ursprünglich war daher auch geplant, die Fassade eins zu eins zu übernehmen. Doch stellte sich heraus, dass die neue Orgel schon allein aufgrund der solideren Bauweise ein bisschen schwerer werden wird, so dass wir von dieser ursprünglichen Idee abrücken mussten. In Abstimmung mit dem Denkmalamt wird daher ein neues Gehäuse gebaut, das aber genauso aussieht wie das ursprüngliche. Es wird aber stabiler sein und daher keinerlei statische Probleme verursachen. Das einzige, was von der alten Orgel übernommen wird, sind die Frontpfeifen. Was sich optisch verändern wird ist der Bereich neben der Orgel. Die neue Orgel wird einen größeren Frequenzbereich haben, es wird mehr Pfeifen geben, es geht um eine Oktave tiefer hinunter. Und diese großen Pfeifen werden künftig seitlich an die beiden schrägen Wände neben der Orgel angebaut und dadurch auch sichtbar sein.  

 

BRUCKNERHAUS: Sie haben reichlich Erfahrung im Orgelbau. Gibt es etwas, was die Brucknerhaus-Orgel zu einer speziellen Herausforderung macht?

EBERLE: Ich baue seit 40 Jahren Orgeln und wir hatten das Glück, in den letzten Jahren einige sehr schöne Aufträge erhalten zu haben, wie die neue Orgel im Wiener Musikverein, oder in der Pariser Philharmonie. In China habe wir sechs große Konzertsäle mit neuen Instrumenten bestücken dürfen, in Japan zwei. Wir haben tatsächlich viel Erfahrung im Bereich Konzertsaalorgel. Ich würde nicht sagen, dass die Brucknerhaus-Orgel eine spezielle Herausforderung ist. Die Herausforderung besteht darin, für jeden Saal die richtige Orgel zu machen, die genau in diesen Saal passt. Es geht darum, die akustischen Eigenheiten eines Saals aufzunehmen und den Klang des Instruments dem Raum anzupassen. Auch jede Orgel ist anders, jede ist ein Unikat. Das ist aber auch das Schöne an diesem Beruf.